Wissenswertes zum Judasevangelium

Zweifellos hatte keiner der zwölf Apostel die Absicht, nur während seiner Lebenszeit die Menschen zu bekehren. Jeder Apostel wird über seinen Tod hinaus für Multiplikatoren gesorgt haben. So ist es nahe liegend, dass für die Bewahrung der Mission Schriftgelehrte herangezogen wurden und dass insofern Glaubensübermittlungen auch der anderen acht Apostel existierten oder noch vorhanden sind, zumal es einen Mangel auszugleichen galt: Niemand konnte sich auf Schriften berufen, die von Jesus persönlich verfasst wurden. Er hinterließ uns kein vertrauliches schriftliches Vermächtnis als Zeugnis seiner Verkündigungen.

 

Die Geschichte des Christentums bestätigt diese Annahme. Vor dem Prozess der Kanonisierung, also vor dem Ende des 4. Jahrhunderts, waren in der Tat weitere Evangelien im Umlauf. Die ersten Verfechter der Evangelien, also die Anhänger Jesu, waren Juden, die sich nach und nach dem Jesuskult zuwandten und neue christliche Gemeinden entstehen ließen. So entwickelte sich eine auch heute noch existierende Gemeinde auf der Grundlage des Evangeliums eines der Apostel im engeren Sinn. Das Evangelium weist inhaltliche Unterschiede auf, die zwar nicht den Sachzusammenhang an sich in Frage stellen, aber dem Sinnzusammenhang in der Jesus-Apostel-Beziehung und in theologischen Fragen eine andere Richtung geben. Insbesondere dieses Evangelium sorgte für eine Spaltung innerhalb der anfänglichen Christengemeinden. Die Rede ist vom Evangelium nach Judas.

 

Demnach gebe es auf dem Weg zur Erkenntnis der Wahrheit Erleuchtete und Nicht-Erleuchtete. Zum Beispiel stellt sich die Frage nach der Erlösung jedes einzelnen Menschen nicht über Jesu Kreuztod und die körperliche Auferstehung. Gerade Jesu Erlösung über den Kreuztod habe eine unwichtige körperliche Hülle hinterlassen und sollte nur wegweisend sein für jeden persönlichen Weg zu Gott. Wer von Gott komme, könne auch allein zu ihm finden, d. h. im Grunde auch ohne kirchliche Institutionen. Unter anderem diese Erkenntnis (griechisch: gnosis) brachte den Anhängern dieser Bewegung den Namen Gnostiker ein und ließ bei den kirchlichen Autoritäten die Alarmglocken schrillen. Der drohende Machtverlust bewirkte, dass die Ketzer mit ihrer blasphemischen Schrift aus der Geschichte gelöscht wurden.

 

Hierüber ist uns die Existenz des Judasevangeliums historisch aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts verbrieft. Der Bischof von Lyon, Irenäus, machte dem sich ausweitenden Streit um die Auslegung der Evangelien ein Ende. Mit seinem Werk „Gegen die Häresien“ (um 180), wandte er sich ausdrücklich gegen das Judasevangelium. Der Inhalt sei von einer christlichen Splittergruppe erdacht und verfolge eine falsche Deutung zur Person Jesu. Irenäus und weitere Kirchenväter sorgten kurzerhand für ideologische Klarheit und verbannten, was der Kirche aus ihrer Sicht hätte schaden können. Schließlich verlor sich die Spur des Judasevangeliums im 6. Jahrhundert und der Kanon der heiligen Schriften ließ uns die bekannte Auswahl von vier Evangelien.

 

Wäre es dabei geblieben, so wäre speziell das Evangelium nach Judas ein herrlicher sakrilegischer Spekulationsstoff für einschlägige Autoren. Doch viele werden davon gehört oder gelesen haben: 1945 wurde das Evangelium nach Thomas, 1978 das nach Judas entdeckt.

 

 

Das Judasevangelium befand sich seit seiner Entdeckung auf einer Irrfahrt mit vielen Hindernissen. Wie das Thomasevangelium auch wurde es in Oberägypten in der Nähe des Ortes Nag Hammadi zufällig entdeckt. Das Thomasevangelium fand einen relativ direkten Weg in das koptische Museum von Kairo. Das Judasevangelium kam aus den Händen von Bauern, die Gräber ausgeraubt hatten, in den Besitz eines Antiquitätenhändlers aus Kairo. Nach dem erfolglosen Versuch, es an eine Schweizer Antiquitätenhändlerin zu verkaufen, wurde die Schrift gestohlen. Der Händler aus Kairo konnte sie jedoch mit einigem Aufwand wiederbeschaffen. 1982 versuchte der Antiquar erneut, das Schriftstück zu veräußern. Das Verkaufsgespräch fand in einem Hotel in Genf statt. Einer der Interessenten war Stephen Emmel, heute Professor am Institut für Ägyptologie und Koptologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Der Experte erkannte das Dokument als einen Papyrus in koptischer Schrift mit dem sensationellen Titel: Das Evangelium des Judas. Emmel war damals Doktorand in Rom und von seinem Auftraggeber befugt, das Dokument für maximal 150 000 Dollar zu erwerben. Emmel war bereits in den 70er Jahren an der Auswertung der oben genannten Nag-Hammadi-Schriften beteiligt, die 1945 entdeckt wurden. Doch Emmel gelang es nicht, das Judasevangelium zu kaufen. Zum einen ließ der übervorsichtig gewordene Händler aus Kairo keine angemessene erste Begutachtung zu. Zum anderen wich er von dem Verkaufspreis in Höhe von 3 Millionen Dollar nicht ab, weil er von der Echtheit der Schrift überzeugt war. Er verwahrte sie für 16 Jahre in einem New Yorker Bankschließfach.

 

Anfang 2000 zeigte die oben genannte Antiquitätenhändlerin erneut Interesse und der Kairoer Händler traf sich mit ihr in dem Bankhaus. Leider war der Papyrus durch die unsachgemäße Lagerung in dem Schließfach stark zerfallen. Gleichwohl erwarb es die Schweizerin und mit Hilfe der National Geographic Society konnte in der Folgezeit die Restauration und Auswertung erfolgen.

 

Für diese Arbeit wurde unter anderen Stephen Emmel verpflichtet. Im Jahr 2006 hielt er an der Universität Münster einen öffentlichen Vortrag über die Auswertung des Judasevangeliums. Im Ergebnis stammt die auf Koptisch verfasste Handschrift etwa aus dem dritten bis vierten Jahrhundert und könnte auf der Übersetzung eines griechischen Textes aus der Ursprungszeit, dem zweiten Jahrhundert, basieren. Koptisch ist die Sprache, die in Ägypten gesprochen wurde, als das Christentum sich auszubreiten begann. Der Datenträger wurde in fünffacher Hinsicht als echte apokryphe Schrift identifiziert: Radiokarbondatierung, Tintenanalyse, multispektrale Bildverarbeitung, kontextuelle und paläographische Belege gelten als Beweise.

 

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war der Papyrus zu 85 % wieder hergestellt. Das Dokument besteht aus 26 Seiten und ist überschrieben mit dem einführenden Satz:

 

„Die geheimen Worte der Offenbarung, die Jesus während einer Woche, drei Tage bevor er das Passah-Fest feierte, zu Judas Iskariot sprach.“

 

So sehr die mystisch klingende Einleitung Verschwörungstheoretiker und Esoteriker aufhorchen lassen könnte, so wenig scheint das Evangelium an historischen Neuigkeiten preiszugeben. Immerhin werden die vier offiziellen Evangelien dahingehend bestätigt, dass von dem wundertätigen Jesus ebenso berichtet wird wie von den zwölf Aposteln. Insbesondere sind auch der Kreuztod und die Rolle des Judas als Verräter ein Bestandteil des Evangeliums. Wir alle wissen darum: Den Texten des Neuen Testaments zufolge starb Jesus am Kreuz, nachdem der Apostel Judas ihn im Garten Gethsemane für 30 Silberlinge an die römische Besatzungsmacht verraten hatte.

 

 

Das Evangelium nach Judas gewährt jedoch weitere Einsichten. Der sogenannte Verrat war demnach eine von Jesus erbetene Handlung. Der angebliche Verräter wurde zum Vertrauten und die vermeintliche Schandtat zu einer gewissen Art von Sterbehilfe. Judas sei der Einzige der zwölf Apostel gewesen, der die göttliche Mission des Jesus verstanden habe. Dazu habe unter anderem die Erkenntnis gehört, dass Jesus eben nicht halb menschlich und halb göttlich gewesen sei. Er sei als Teil Gottes nur in einer nebensächlichen menschlichen Hülle präsent gewesen. Die Kreuzigung sollte nur eine Scheinhinrichtung sein, um sich des menschlichen Wirtes zu entledigen.

 

siehe hierzu: Personalbeweis Jesus

 

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Quellen:

 

Die Glocke, Westfälische Tageszeitung; Judas-Evangelium eine Sensation für die Wissenschaft; Interview mit Sebastian Stricker vom 06. Oktober 2006

 

ZDF, Fernsehsendung vom 24. März 2008; Geheimakte Jesus – Die Evangelien der Ketzer

 

Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Pressemitteilung upm 19. Mai 2006; DAS EVANGELIUM NACH JUDAS, Vortrag des Koptologen Prof. Dr. Stephen Emmel

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